Es wenig mehr Gelassenheit – andachten.tv #48

Bild: zeremskimilan / fotolia.de

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Es ist halb zehn morgens in Deutschland. Zeit für eine Frühstückspause?

Wir alle kennen diese Werbung, welche die Zeit um neun Uhr dreißig als feste Frühstückzeit in dem Leben aller Deutschen fest verankert hat. Da gibt es keine Diskussion: Um 9:30 Uhr wird gefrühstückt. Auch Widerrede ist nicht geduldet.

So stellen hunderttausend, wenn nicht gar Millionen Arbeitende morgens ihre Arbeit ein, um einen kleineren oder größeren Snack zu sich zu nehmen und den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen. Die Arbeit ruht. Es wird geredet, gelacht und sich entspannt. Manche machen gar einen Spaziergang.

Fünfzehn bis dreißig Minuten später ist der Zauber vorbei. Es geht wieder an die Arbeit und man schleppt sich vor bis zur nächsten Pause und versucht, durchzuhalten.

So sitze auch ich hier nun, im Bus, auf dem Weg zum nächsten Gerichtstermin in Erkelenz.

Ich habe mir seit einigen Monaten angewöhnt, mehr mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren. Das ist nicht immer leicht, denn „auf dem Land“, wo ich wohne und herkomme, sind die Verbindungen nicht immer die besten, um es einmal vorsichtig zu sagen. Vor allem muss ich oft ein ganzes Stück mehr Zeit einplanen, um von A nach B zu kommen, was natürlich alle anderen Termine ebenfalls verschiebt und mir auf den ersten Blick ziemlich viel Zeit raubt.

Doch dann habe ich mich hingesetzt und überlegt, ob das wirklich stimmt.

Nehmen wir einmal den monatlichen Termin in Düsseldorf, welchen ich wahrnehmen muss. Eine Fahrt mit dem Auto „kostet“ mich ungefähr eine Stunde Zeit inkl. Weg zum Auto, Parkplatzsuche, Weg zum Termin etc. Die Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln dauert insgesamt, mit Weg zum Bahnhof und von der U-Bahn-Station zum Termin eineinhalb Stunden und ich bin an die Zeiten der Bahn gebunden.

Also verliere ich auf den ersten Blick eine halbe Stunde … pro Strecke. Eine Stunde an einem Tag. Und das ist ja schließlich nur einer von vielen Terminen im Monat.

Doch nun wenden wir einmal den Kopf und schauen darauf, was ich dabei gewinne. Und das ist so Einiges.

Zum einen ist da der fehlende Streß, den jede Autofahrt, sei sie noch so gemütlich, innerlich verursacht. Es fehlt der Streß nach der Parkplatzsuche. Gut, zugestanden, manchmal kommt dafür der Streß hinzu, den man hat, wenn der Bus oder die Bahn mal wieder Verspätung hat.

Doch während der Bahnfahrt kann ich ohne Gefährdung anderer Verkehrsteilnehmer etwas essen und trinken, kann meinen Laptop hervorholen und -Internet sei Dank- Vieles erledigen, wofür ich im Büro wegen der vielen Anrufe und Gesprächstermine keine Zeit finde und dem ich mich nun einmal zuwenden kann. Ich kann auch einfach nur(!) Musik hören, ein Buch lesen oder meine Gedanken kreisen lassen oder … einfach nur aus dem Fenster schauen. Ich kann mich mit (noch) fremden Leuten unterhalten, deren Lebensgeschichte erfahren und so mein Weltbild erweitern. Auch hier sei zugegeben, dass so mancher Mitreisende auch einem schon einmal gehörig auf die Nerven gehen kann.

Doch unter dem Strich gewinne ich Zeit, denn ich muss mich nicht nur mit der Fortbewegung beschäftigen, sondern kann alle diese Dinge machen. Ich beschäftige mich nicht mit der bloßen Fortbewegung, sondern mit dem, was mir wirklich wichtig ist.

Und so mache ich Pause, obwohl ich keine mache. Ich darf mich entspannen und kann sozusagen zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen.

Doch was ich wirklich dabei erkenne ist die Tatsache, wie wenig es einem bringt, wenn man immer nur über irgendetwas nachdenkt und sich in der Planung ergibt. Das alte Sprichwort gilt: „Probieren geht über studieren“

Und es muss dabei nicht immer alles perfekt laufen. Man darf Fehler machen, daraus lernen und dann es bei dem nächsten mal besser machen können. Man darf abschalten, nachdenken, loslassen, die Gedanken ziehen lassen und vor allem …

… viel gelassener werden …

Die Welt besteht nicht nur daraus, irgendetwas zu erreichen, Pläne zu erfüllen und vor allem nicht daraus, sich an Vorgaben zu halten.

Letztere sind gut, wenn es darum geht, sich nach etwas zu strecken, ein Ziel zu haben und seinen Traum verfolgen und auch erreichen zu können.

Doch das passiert nicht um halb zehn in Deutschland. Das passiert dann, wenn es will, nicht wenn wir es wollen. Das ist alles nicht planbar, sondern muss einfach geschehen.

Und es geschieht nur, wenn wir loslassen können, wenn wir es nicht erzwingen wollen, wenn die Dingen einfach nur geschehen dürfen. Sei es das Lebenswerk oder sei es die morgendliche Pause. Erfolg lässt sich nicht in einen Kalender oder Termin einfangen. Er braucht seine Zeit und wird kommen, wenn er will.

Diese Gelassenheit ist schwer zu ertragen, doch wenn man daran glaubt, dass alles gut wird und schon ist, wird der Erfolg sich gerne zu uns gesellen.

Lassen wir es doch einfach nur geschehen…

Text: Thorsten Haßiepen
Bild: zeremskimilan / fotolia.de

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