Der betrunkene Pilot – andachten.tv #45

Bild: Romolo Tavani

Bild: Romolo Tavani

Stellen sie sich vor, Sie möchten mit dem Flugzeug fliegen. Als sie sich angeschnallt haben und freudig darauf warten, dass es losgeht, sehen Sie, wie der Pilot und Copilot durch die Kabine kommen und mit den Passagieren sprechen. Das finden Sie eine nette Geste.

Als die beiden immer näher kommen, fällt Ihnen auf, dass irgendetwas seltsam ist. Dann stehen beide vor Ihnen. Und bei den ersten Worten wissen Sie sofort: *Die Beiden sind sturzbesoffen*.

Panik steigt in Ihnen auf. Diesen Menschen sollen Sie Ihr Leben anvertrauen?

Anderes Setting…

Stellen Sie sich vor, Ähnliches passiert Ihnen, während Sie im Krankenhaus auf eine Operation warten. Der Chirurg kommt an Ihr Bett und möchte mit Ihren über die gleich beginnende Operation sprechen und auch er ist sturzbesoffen.

Möchten Sie von diesem Arzt operiert werden, ihm Ihr Leben anvertrauen? Wohl eher nicht.

Glauben Sie denn, Sie hätten ein Recht darauf, dass die Piloten vor einem Flug nichts trinken, ihre eigenen Bedürfnisse hinter die Verpflichtung, für einen sicheren Flug zu sorgen, zurückzustellen haben, auch wenn sie familiäre Probleme haben? Wie sieht es mit dem Chirurg aus. Sollte dieser nicht auch mehr an den Patienten denken, als an die Umsorgung der eigenen Bedürfnisse?

Natürlich ist das so. Bei Piloten gilt der Satz: „24 Hours from bottle to throttle“, also „24 Stunden zwischen Flasche und Gashebel“. Wer das nicht einhält, darf nicht fliegen.

Gerade nach dem tragischen Unglück in Frankreich und dem dortigen Absturz der Germanwings-Maschine wünschen wir uns sehr, dass Piloten oder andere Professionen, denen wir unser Leben anvertrauen, ihre persönlichen Probleme nicht mit an den Arbeitsplatz bringen.

Nun sage ich nicht, dass Sie als Eltern sturzbesoffen sind oder Ihr Kind vernachlässigen. Doch Ihr Kind befindet sich in praktisch gleicher Situation. Mit einer Ausnahme: Es kann an der Situation selbst überhaupt nichts ändern.

Während Sie aus dem Flugzeug mit lautem Protest aussteigen können und dabei höchstwahrscheinlich auch von allen weiteren Passagieren unterstützt werden, Ihnen im Krankenhaus höchstwahrscheinlich die Schwester zu Hilfe kommt, ist das Kind auf sich selbst gestellt.

Das Kind sitzt vor seinen Eltern und ist ihnen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Menschen, die ihm von sich aus helfen werden, hat es nicht. Solche findet es, wenn es viel Glück hat, »auf Antrag«.

Können Sie sich die Not des Kindes vorstellen. Ein Kind empfindet den Verlust der Eltern, oder eines seiner Elternteil, immer als lebensbedrohlich.

Viele Eltern meinen, es gehe dem Kind doch gut. Es werde versorgt, man kümmere sich darum. Es gäbe zu essen und man tue alles, damit es dem Kind „den Umständen entsprechend“ gut gehe.

Dieser Wille ist auch sicherlich vorhanden. Niemandem unterstelle ich, er oder sie wolle seinem Kind oder Kindern schaden. Davon bin ich weit entfernt.

Dennoch möchte ich dafür werben, sich offene Gedanken darüber zu machen, was das Kind vielleicht aus seiner Sicht erfährt, denkt, fühlt. Das Kind sieht den Vorgang der Trennung seiner Eltern nämlich aus einer völlig anderen Perspektive.

Nun höre ich viele umgehend rufen: „Ich denke nur an das Wohl des Kindes!“

Diesen Stimmen rufe ich zu: „Tust Du das wirklich? Stellst Du alle Deine eigenen Belange hinten an? Wirklich alle?“

Bitte, es steht mir sicherlich nicht zu, in irgendeiner Art und Weise über das Verhalten anderer Eltern zu urteilen oder gar diese zurecht zu weisen. Das ist auch nicht das Ziel dieses Beitrages.

Ziel ist es vielmehr, Sie als Eltern, die in einer Trennungssituation nicht oder nicht so genau wissen, was Sie für Ihr Kind tun können, darauf aufmerksam zu machen, die Perspektive unserer Kinder zu beachten. Die Kinder sehen und spüren die Dinge nämlich völlig anders.

Das wollen wir als Eltern leider oft nicht wahrhaben, meinen eben, alles Mögliche zu tun und bedenken dabei nicht, dass wir unsere Kindern nicht an der Nase herumführen können. Kinder merken wesentlich mehr in den hier relevanten Situationen, als uns Eltern lieb sein kann.

Diese Gedanken wollen Sie bitte einfach im Hinterkopf behalten. Es geht hier nicht darum, die Möglichkeiten einer Verhaltensänderung zu erläutern. Hier geht es darum, die Sichtweise eines Kindes darzustellen, damit Sie in den täglichen Untiefen einer Trennungs- oder Scheidungssituation einmal darüber nachdenken oder mit daran denken.

Lassen Sie sich führen von den Gedanken der Kinder und beachten Sie diese bei Ihren täglichen Entscheidungen, bei Ihren Begegnungen mit dem/der Expartner/in und nehmen Sie immer wieder einmal die Blickrichtung und Perspektive Ihres Kindes ein.

Seien Sie nicht ein betrunkener Pilot auf der Reise Ihres Kindes durch sein Leben!

Text: Thorsten Haßiepen
Bild: Romolo Tavani / fotolia.de

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