Ehrlichkeit!

Bild: Munch! / fotolia.de

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Die Notlüge ist ein probates Mittel, in einer Situation, in welcher wir sonst keinen Ausweg finden, die Wahrheit so ein „ganz wenig“ zu verdrehen, um dann letztlich doch noch den Ausgang aus dieser verzwickten Lage zu finden. Die Meisten von uns werden wahrscheinlich denken, eine solche sozusagen „Miniaturwahrheitsabwandlung“ ist erträglich und gehört zu dem alltäglichen Leben von uns Menschen hinzu.

Alle waren oder sind wir schon einmal mit solchen Dingen konfrontiert worden, in denen wir meinen, unser Gesicht zu verlieren, uns unserer Entscheidung vielleicht doch nicht so hundertprozentig sicher zu sein oder uns einfach, was meistens der Fall sein dürfte, unseren eigenen Fehler nicht eingestehen wollen.

Eine Abwandlung der „Notlüge“ ist dann die Schuldzuweisung. Ach wie gerne nehmen wir eigene Verfehlungen und begründen diese mit etwas angeblich davor Geschehenem, was der andere getan haben soll. Da nehmen wir auch noch so entfernt liegende Anlässe, blähen sie wie durch ein Mikroskop vergrößert auf und halten sie dem anderen vor.

Gründe, etwas (nicht) zu tun, gibt es immer genug. Aber einfach zu sagen: „Ich kann nicht mehr, ich komme mit meinem eigenen Leben nicht mehr zurecht und ich habe Angst, um Hilfe zu bitten“, das können wir zu oft nicht.

Das Schlimme daran ist die Wirkung, welche auch die kleinste Lüge in der Außenwelt hinterlässt.

Anfänglich ist es vielleicht nur ein seltsames Gefühl, welches dann der andere hat, wenn er die Anschuldigung über sein eigenes Fehlverhalten mitgeteilt bekommt. Aber zu seiner eigenen Welt passt die Anschuldigung so gar nicht. Er (oder sie) hat da eine ganz andere Wahrnehmung.

Selbst wenn er sich aber den hingehaltenen Schuh anzieht, bedeutet dies nicht, man wäre selbst aus dem Schneider. Was nun passiert, ist ein Umschalten der angeschuldigten Person in den „Verteidigungsmodus“. Und so passiert es dann, dass auch umgekehrt plötzlich Vorwürfe generiert werden, die man wiederum selbst gar nicht fassen kann.

Und nun befindet man sich, oftmals ganz langsam schleichend, auf der Straße ins Verderben. Selbst wenn man mit dem anderen dann bricht, egal ob berechtigt oder unberechtigt, bleibt im eigenen Gewissen die Erkenntnis, die Schuld für eigene Unzulänglichkeiten auf den anderen abgeschoben zu haben. Es bleibt die Erkenntnis, nicht rechtzeitig „ausgepackt“ zu haben, die eigene Situation geschildert zu haben oder gar den inneren Schweinehund überwunden zu haben, um einfach nur um Hilfe oder wenigstens Unterstützung zu fragen.

Bei unserem Gegenüber entsteht bestenfalls eine Enttäuschung. Manchmal aber entsteht eben auch eine Kränkung. Und so lassen wir -aus eigener Angst- den anderen tatsächlich krank zurück. Krank in dem Sinne, dass sein Herz verletzt wurde, er vor einem Rätsel steht, welches seine Gefühle wiederum anderen gegenüber verhärten lässt, weil er sich vor weiteren Enttäuschungen schützen wird.

Und die Spirale des Misstrauens dreht sich weiter und weiter. Begonnen hat vielleicht alles -wie bei Adam und Eva- einfach nur mit einer Kleinigkeit, welche sich aber in dem eigenen und dem anderen Weltbild fortträgt und leider oft massiv verstärkt.

Natürlich haben wir auch im Nachhinein unendlich viele Argumente, selbst doch angeblich richtig gehandelt zu haben. Da sei man ausgenutzt worden. Da habe man sich nicht gewürdigt gefühlt. Es sei alles zu starr gewesen. Und überhaupt habe man in dieser Situation eben keine andere Wahl gehabt, da die berühmten „äußeren Umstände“ nun einmal so seien, wie sie eben sind. Schuld seien immer nur die anderen und Sinn, darüber zu reden, habe es doch ohnehin nicht gemacht. Gute Ratschläge schlagen wir aus, zu früh haben wir unsere alternativlos erscheinende Entscheidung getroffen.

Und damit verletzen wir andere Menschen und zwar auch die Menschen, die wir lieben, die uns lieben oder die gar auf uns angewiesen sind.

Doch denken wir darüber nach, werden wir bei allem inneren Widerstand, den wir gegen diese Erkenntnis haben und pflegen, feststellen müssen, wie sehr wir selbst versagt haben. Wir selbst haben nicht rechtzeitig den Schritt der Klärung, sondern letztlich einmal mehr den Schritt der Flucht und der Vermeidung von Verantwortung übernommen. Wir vermeiden eine kleine Konfrontation, weil wir deren Ausgang nicht abschließend einschätzen können. Wir reden nicht, wir leben in unseren Gedanken und rechtfertigen unsere eigene Angst mit dem, was wir denken, was der andere denken mag.

Nur leider wissen wir alle, dass dies nur äußerst selten tatsächlich der Wahrheit entsprochen hat. Doch dann ist der Scherbenhaufen geschaffen worden.

Wir haben damit einen weiteren Baustein auf unserem Weg der „Verantwortungsvermeidung“ gelegt und die damit geschaffene Mauer wird immer undurchdringlicher, die stabilen Phasen unseres Lebenslaufes immer kürzer und wir selbst letztlich immer unzuverlässiger. Auch in allen anderen Gebieten unseres Lebens. Wir flüchten überall: Bei Freunden, in der Familie, am Arbeitsplatz. Und die Flucht wird immer intensiver, immer verletzender, immer aggressiver.

Wenn wir einmal den so einfach erscheinenden Ausweg der Schuldzuweisung als einfachste Form der „Notlüge“ gegangen sind, befinden wir uns auf einer Straße, welche äußerst eng ist und ein Umdrehen oft nur mit ganz großen Schwierigkeiten zulässt. Solche Schwierigkeiten werden wir natürlich wieder vermeiden. Und da wir nun daran gewöhnt sind, nur den einfachsten Weg zu gehen, weil er gerade so verlockend ist, rennen wir an unserem eigentlich schon bereitliegenden Paradies, welches nur für uns allein geschaffen worden zu sein, mit Scheuklappen vorbei. Wir erliegen nämlich der vor uns liegenden Belohnung, die wir einfach nur ergreifen brauchen, zu schnell und verlieren den zunächst steiniger erscheinenden Weg, welcher über den Berg der Anstrengung, aber dann hin zu unserem Paradies führt, aus den Augen. Ob er wirklich steiniger oder anstrengender gewesen wäre, werden wir dann niemals mehr erfahren.

So geschieht es täglich, um nicht zu sagen, sekündlich … in privaten Beziehungen, in Ehen, bei der Kindererziehung, am Arbeitsplatz.

Stehen wir doch einfach zu unseren Ängsten, zu unseren Sorgen, zu dem, was uns als Mensch ausmacht. Sprechen wir den anderen Menschen an, denn er ist vielleicht einfach selbst nur in einer Situation der Sorgen und Ängste gefangen. Woher soll er denn auch wissen, wie es uns geht, wenn wir es nicht sagen …

Wenn wir dann aber ehrlich zu uns und vor allem zu unserem Gegenüber sind, werden sich daraus Beziehungen und Freundschaften, die an Zuverlässigkeit niemals zu übertreffen sein werden, entwickeln können, welche uns ein Leben lang tragen können … auch durch die schwierigsten aller Zeiten.

Bei dem ersten Anzeichen von Schwierigkeiten zu fliehen, zeugt von fehlender eigenen Wertschätzung. Wie sollen wir dann unsere Aufgabe erfüllen, unseren Job erfüllen, unseren Kindern ein Vorbild sein? Und mit jedem Mal, wo wir fliehen, wird es für uns selbst schlimmer und schlimmer und schlimmer.

Nichts in der Welt ist „nur schön“. Gerade das „Auf und Ab“ macht unser Leben so lebenswert. Und selbst eine völlig ausweglos erscheinende Situation birgt immer (!) etwas in sich, für das es sich lohnt, zu bleiben … und sei es „nur“ das eigene Wachstum, mehr Kraft und Mut zu entwickeln.

„Ehrlich währt am längsten“, heißt es nicht umsonst. Und auf die hoffentlich lange Zeit unseres Lebens gesehen, ist sie auch die einfachste aller Lösungen.

Ehrlichkeit, Respekt und Aufrichtigkeit, ja vielleicht sogar eine kleine Prise Demut, sind die Zutaten, welche den zunächst grau erscheinenden Teig einer Gesellschaft in einen wunderbaren und riesigen Kuchen verwandeln können, an welchem wir uns alle laben können, von welchem wir alle mehr als satt werden.

Wenn Sie bei der Lektüre dieser Zeilen inneren Widerstand gespürt haben und ein Bedürfnis, sich irgendwie für sich selbst verteidigen zu wollen in Ihnen aufgestiegen ist … wie sehr waren Sie vielleicht … meist völlig unbewusst … schon diesem Weg verfallen?

Dies ist keine Anschuldigung … dies ist … wie immer … nur ein Gedanke …


Text: Thorsten Haßiepen
Bild: Munch! / fotolia.de

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