Es einfach einmal gut sein lassen

Bild: Punto Studio Foto AG / fotolia.de

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Oftmals sind wir selbst unser größter Feind. Wir selbst verbauen uns schöne Erlebnisse, gute Tage oder einfach nur eine entspannte Zeit.

Der Grund dafür? Unser Ego.

Wir müssen zu allem und jedem irgendetwas sagen. Einfach einmal etwas im Raum stehen lassen, ist kaum möglich. Ein kleines Teufelchen in unserem Ohr sagt uns, wir müssten unbedingt unsere Meinung kundgeben.

Nun verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Unsere Meinungsfreiheit ist natürlich ein sehr hohes Gut und diese soll auch um keinen Preis der Welt eingeschränkt werden.

Doch nicht immer ist es angebracht, in die Welt hinauszublatschen, was mir gerade im Kopf herumgeht.

Manchmal dürfen auch andere ihre Meinung sagen, selbst wenn uns diese nicht gefällt.

Aber können wir das aushalten? Haben wir selbst ebenfalls die nötige Toleranz, Abläufe und Geschehnisse auf dieser Welt einfach einmal so zu belassen, wie sie nun einmal gerade sind? Oder müssen wir uns wirklich in alles einmischen … vor allem bei den uns am nächsten stehenden Menschen.

Sicher, eine Mentalität des  Wegsehens ist durchaus nicht mehr zeitgemäß und es gibt Dinge, bei denen muss man sich einmischen. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn Grundrechte anderer Menschen verletzt werden oder eine Person sich nicht mehr selbst helfen kann.

Aber gerade Letzteres ist eine oft kaum zu erkennende Grenze. Wird jemand auf der Straße zusammengeschlagen … klar, dann greifen wir ein. Wird jemand öffentlich fertig gemacht … ebenfalls rufen wir die Schreienden zur Mäßigung auf.

Doch wie sieht es aus, wenn es um kleine alltägliche Entscheidungen geht? Muss dann wirklich alles bis auf’s Letzte ausdiskutiert werden nur weil man selbst der Meinung ist, das die Sache, die der andere da macht, so aber nicht stehen gelassen werden kann?

Was dann passiert, ist leider zu oft eine Verletzung unseres Gegenübers. Vielleicht sogar ohne Absicht verletzen wir den anderen Menschen darin, weil er sich nicht ernst oder wahrgenommen fühlt, weil er seine Entscheidungen immer wieder angezweifelt sieht oder einfach, weil ihm das, was er da gemacht oder gesagt hat, äußerst wichtig war. Wichtiger, als wir es in unserem eigenen Alltagstrott vielleicht gemerkt haben.

Ja, es hat unser Empfinden gestört. Aber lohnt sich dafür ein handfester Streit? Lohnt sich dafür eine Verletzung unseres Gegenübers oder gar ein Tag, welcher schon morgens verdorben ist?

Wir Menschen sind eigentlich nicht für Streit geschaffen. Wir sind harmoniebedürftig, wollen selbst wahr- und ernstgenommen werden, wollen eine heile Welt um uns herum.

Nichts ist wichtiger, als der Respekt, den man sich doch eigentlich nicht wirklich erst verdienen muss.

Natürlich kann man Respekt verspielen. Aber das ist eine andere Sache. Ich rede hier davon, dass wir alle mit einer Art Grundrespekt, welcher uns gebührt, geboren werden. Diesen fordern wir doch eigentlich auch immer wieder ein. Sogar im Grundgesetz ist von dieser Menschenwürde die Rede.

Und doch missachten wir genau diesen Grundrespekt jeden Tag durch tausend kleine Nadelstiche, egal ob im privaten, beruflichen oder sonstigen Alltag. Gerade bei uns nahestehenden Personen meinen wir, nicht so genau auf Umgangsformen achten zu müssen. In wie vielen Familien fehlen Worte wie „bitte“ oder „Danke“ schon am gemeinsamen Esstisch. Dort wird nicht darum gebeten, man möge doch „bitte“ die Butter herüberreichen. Dieses kleine Zauberwort wird einfach unterschlagen. Verteidigt wird dies oft damit, der andere wisse doch, wie man es meint.

Doch ist das wirklich so? Wissen wir, wie der oder die andere etwas meint? Oder sind es gerade die tausenden von täglichen Miniatur-Missverständnisse, welche das Puzzle der eigenen Unzufriedenheit langsam aber stetig entstehen lassen.

Dies findet jeden Tag, überall auf der Welt in allen möglichen Szenarien statt. In der Familie, im Beruf, vom Chef wie auch von den Arbeitnehmern und unter diesen auch untereinander, in Geschäftsbeziehungen und selbst in Umgebungen, in welchen man dies eigentlich gar nicht vermuten sollte, wie zum Beispiel in Kirchen oder Gruppen auf Facebook, welche doch eigentlich nur einem gemeinsamen Interesse oder Ziel dienen sollten.

Unser Ego treibt uns dazu, mit solchen Höflichkeiten, Respektformen eher viel zu locker umzugehen. Die „freundschaftliche Beleidigung“ ist doch fast schon gesellschaftstauglich. Und die Zurechtweisung des Partners erst recht.

In Millionen von kleinen Sticheleien, Besserwissereien, Mini-Beleidigungen und so weiter graben wir dem Respekt voreinander das Grab und wundern uns, wenn später alles zu Bruch geht oder wir selbst diejenigen sind, die keinen Respekt mehr bekommen.

Wo all‘ dies anfängt und wo es aufhört, vermag vielleicht niemand wissenschaftlich festzulegen. Doch wir alle haben es im Gefühl. Spätestens, wenn wir nach einer Äußerung meinen, „dem es aber mal gezeigt zu haben“, sollten wir überlegen, ob dies zu einer Lösung eines Problems beigetragen hat oder einfach nur unser Ego aufgebläht hat. Hat es zu einer Beruhigung geführt oder zu einer Verschlimmerung der Situation.

Natürlich liegt es auch an uns selbst, wie wir damit umgehen, wenn uns dieser Grundrespekt nicht entgegengebracht wird. Vielleicht müssen wir auch an uns selbst arbeiten.

Eine Analyse nach dem Motto „Wer hat denn angefangen?“ ist aber in nahezu einhundert Prozent der Fälle ganz und gar nicht zielführend.

Bringt uns jemand eine Beleidigung entgegen, können wir es halten wie Buddha, welcher den Beleidigenden fragte: „Wenn man ein Geschenk angeboten bekommt und dieses nicht annimmt, wem gehört es dann eigentlich?“.

Und natürlich sind wir auch selbst gefragt, uns eine ein wenig dickere Haut anzuschaffen und auch nicht bei jeder kleinen Stichelei an die Decke zu gehen.

Doch es liegt bei jedem und jeder von uns, die Dinge auch einfach einmal gut sein zu lassen, auch eine aus unserer Sicht noch so verquere Meinung einmal ausgesprochen sein zu lassen, ohne diese sofort kommentieren zu müssen. Vielleicht können wir auch etwas im Raume stehen lassen, was dort nicht hingehört, egal ob es ein Gegenstand sei, ein Gedanke, eine Äußerung, eine Weltansicht oder oder oder. Wir müssen nicht zwanghaft alles nach unseren eigenen Ansichten ordnen wollen.

Manchmal fällt dies schwer. Sind wir doch zu sehr in dem von uns angelernten Trott verhaftet.

Doch es lohnt sich auf jeden Fall.

Lächeln wir einfach. Schauen wir unser Gegenüber an und überlegen wir, ob er oder sie es nicht aus seiner oder ihrer Sicht sogar gut meint. Nehmen wir unser Gegenüber einfach so an, wie es ist. Manchmal ist dies ein wesentlich effektiverer Schritt, als unbedingt einmal „unsere Meinung zu sagen“.

Probieren Sie es doch einmal aus. Am Anfang vielleicht nur bei einer einzigen Situation am Tage, später an mehreren und vielleicht wird es irgendwann einmal zu einer Lebenseinstellung.

Andere Menschen zu akzeptieren, so wie sie sind, ist eine Königsdisziplin, welche die meisten von uns nur schwerlich ertragen können. Doch gerade das kann uns stark machen.

„Wie es in den Wald hineinruft, so schallt es heraus“, sagt ein altes Sprichwort.

Und genauso ist es zwischen uns Menschen.

Begegne ich dem anderen mit einem Lächeln, mit einer Akzeptanz mit einer Höflichkeit und mit einem Respekt, so darf ich nicht nur erwarten oder wünschen, dass es umgekehrt ebenso geschehen wird. Meist setzt dann ein Automatismus ein und die lang gehegte Abwärtsspirale der Umgangsformen und des Respekts hält an, um sich endlich wieder aufwärts zu drehen. Langsam und stetig, aber dafür umso kraftvoller.

Ich danke Ihnen von Herzen für das Lesen dieses Textes und wünsche Ihnen eine wunderschöne Woche.

 

 


Text: Thorsten Haßiepen

Bild: Punto Studio Foto AG / fotolia.de

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