Du gefällst mir!

Bild: blackday / fotolia.de

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„Es sind doch nur fünf“, sagte er und lächelte milde. Sein Gesichtsausdruck war überraschend klar und er strahlte eine fast unendliche Güte aus.

Ich wusste auch, dass er eigentlich Recht hatte, doch irgendetwas wehrte sich in mir.

Immer wieder versuchte ich, seinen Anweisungen zu folgen und immer wieder fiel ich in meinen alten Trott zurück. Ja, ich fand diese fünf Dinge, aber nicht so, wie er es wollte.

Mit großen Augen schaute ich ihn an und fragte mich, ob ich es jemals schaffen werde.

„Nur Mut“, flüsterte er. „Es ist einfach noch ungewohnt, aber Du wirst es schaffen.“

Wie konnte er nur wissen, was in mir vorging. Ich hatte es doch nur gedacht und nun sprach er mich direkt darauf an.

„Weil es uns allen so gegangen ist. Wir sind alle gleich.“

Vorsichtig drehte ich meinen Kopf in Richtung jener anderen Person, welche dort vor mir stand. Dass er aber weiter neben mir stehen blieb, gab mir halt und ich fühlte seine Güte auf mich ausstrahlen. Er gab mir Halt, stabilisierte mich. „Du schaffst es“, flüsterte er erneut.

Niemals hätte ich gedacht, dass eine Aufgabe mich so aus dem Tritt holen könnte. Natürlich hatte ich versucht, meine Unsicherheit wegzulachen und ein paar alberne Scherze darüber zu machen. Anfänglich hatte das auch etwas genutzt. Aber mein Mentor ließ nicht locker, wollte diese Aufgabe erfüllt sehen, hier und jetzt, am lebenden Objekt.

Was war die Aufgabe? Ganz einfach: „Finde fünf Dinge an Deinem Gegenüber, die Dir gefallen.“

Klingt einfach, oder?

Ist es tatsächlich auch, wenn man sich einmal daransetzt und es konsequent übt.

Leider werden wir vor allem in der heutigen Zeit durch zahlreiche Quellen in unserer Umwelt geradezu dazu erzogen, bei unseren Mitmenschen erst einmal das zu finden, was negativ auffällt, deren Schwächen zu sehen.

Gutes können wir dann irgendwann nur noch unter größter Anstrengung erkennen. Kleinigkeiten blenden wir meist völlig aus und konzentrieren uns lieber darauf, unser Gegenüber sofort in Schubladen einzusortieren, welche aber durch den Filter unserer ganz persönlichen Vorurteile, welche jeder von uns anderen Menschen gegenüber hat, bestimmt werden.

Nur schwer können wir uns aus dieser jahrelang antrainierten Art und Weise, erste Eindrücke zu sammeln und zu bewerten, wieder lösen. Meistens achten wir auch gar nicht mehr darauf.

Ein gutes Beispiel dafür ist auch ein typischer Morgen. Wir stehen früh auf. Nach den anfänglichen Startschwierigkeiten haben wir uns mit dem Tag arrangiert. Eigentlich sind wir ganz zufrieden und hoffnungs- und erwartungsvoll auf das, was da kommen mag. Noch im Halbschlaf schließen wir die Haustür auf und schlafwandeln zum Briefkasten, in welchem die Tageszeitung steckt. Schlaftrunken nehmen wir sie heraus und noch auf dem Rückweg durch das kalte morgige Herbstwetter lesen wir die ersten Zeilen. Mord, Totschlag, Terroranschläge, Unfälle, Betrug, Streit, Unwetter und vieles mehr … Unwillkürlich verändert sich unsere Stimmung. „Wie schlecht die Welt doch ist“, schießt es durch unsere noch so gar nicht sortierten Gehirnzellen und setzt sich als ungewolltes Tagesmotto dort fest. Mit fast jeder Zeile, die wir lesen, fällt unsere Stimmung. Da wir es seit Jahren so machen, merken wir kaum noch. Wir seien eben einfach kein Morgenmensch, reden wir uns heraus. Und so beginnen wir den Tag immer wieder auf’s Neue mit schlechten Gedanken, die uns herunterziehen. Und auch das wird irgendwann einfach zur Gewohnheit.

Aus dieser Routine auszubrechen, erfordert am Anfang viel Kraft. So meinen wir jedenfalls und daher drehen wir uns lieber noch einmal im Bett unter der warmen Bettdecke um und sagen schläfrig vor uns her: „Nur noch fünf Minuten.“

Der Wecker klingelt ein weiteres Mal und unsere Laune hat sich nicht wirklich verbessert. Wir stehen auf, gehen zum Briefkasten, holen die Zeitung heraus … Weiter geht der Trott.

Irgendwann habe ich mich aber einmal gefragt, was passieren könnte, wenn ich den Tag ein wenig früher und fröhlicher beginnen könnte.

Also stand ich früher auf. Natürlich zog die Wärme meiner Bettdecke vehement an mir und versuchte, meiner wieder habhaft zu werden. Mit allen möglichen hinterlistigen Tricks versuchte sie es. Säuselnde und flüsternde Stimmchen schienen mich jeden Morgen dazu überreden zu wollen, doch noch ein paar Minütchen einfach liegen zu bleiben. Es wäre doch nicht so schlimm und morgen wäre doch auch noch ein Tag … und ansonsten eben übermorgen …

Sie wissen, wovon ich rede. Und so zogen die Tage ins Land, in denen ich meinen Plan dann doch nicht so umsetzte Manchmal gelang es mir für eine Woche vielleicht, die frühen Stunden zu genießen. Doch kaum gab ich meinem Bettchen wieder nach, so fing die ganze Prozedur von vorne an.

Doch ich spürte auch, wie das frühere Aufstehen mich entspannter werden ließ. Ich konnte auf den Balkon hinaustreten und die kühle und noch frische und reine Morgenluft in meine Lungen aufsaugen. Auch ein wenig Bewegung tat gut und so ging ich plötzlich morgendlich wieder sehr früh mit meinem Hund spazieren, was dieser am Anfang übrigens ebenso verwundert zur Kenntnis nahm wie ich.

Zunächst blieb es ein morgendlicher Kampf. Doch mit jedem Tag, der ins Land zog, wurde es einfacher. Ich war entspannter über Tag, freute mich wieder mehr, wahr fröhlicher, gelassener, zufriedener. Kurz: Mir ging und geht es gut.

Alte Gewohnheiten und Routinen lassen sich ändern. Meist gehört weniger Mut und Kraft dazu, als uns immer weisgemacht wird, sondern einfach nur ein immer neuer Anfang, eben eine neue Routine, welche sich langsam aufbaut und dann irgendwann zur Gewohnheit wird, über welche wir dann nicht mehr nachdenken, sondern sie einfach nur durchführen.

So verhält es sich auch mit der Gewohnheit, andere Menschen einzuschätzen. Warum sehen wir zuerst so oft nur das Negative, die Auffälligkeiten, die uns stören? Warum können wir uns nur schwer daran ausrichten, bei unserem Gegenüber zuerst das Schöne, das Gute, das Perfekte, den Menschen zu sehen.

Und so war es auch in jener Übung, welche ich am Anfang beschrieben habe. Wir schauen jemanden an. Selbst wenn wir das Gute finden wollen, fallen uns eben auch andere Sachen ins Auge. Und das ist aus Gewohnheit so viel leichter, diese herauszupicken und sich darüber zu unterhalten, als etwas Gutes über einen anderen Menschen zu sagen oder auch nur zu denken.

Doch wie bei unserem Start in einen neuen Tag können wir auch bei unserem Start in ein neues Kennenlernen eines anderen Menschen uns zunächst zwingen und später einfach daran gewöhnen, in ihm oder ihr das Gute zu sehen, zu entdecken, das Schöne, die kleinen Auffälligkeiten, die diesen Menschen eben im Guten besonders machen. Es gibt niemanden auf dieser Welt, der dieses Gute nicht in sich trägt, an dem wir dieses nicht entdecken können.

Und manchmal hilft es in unserer Umgewöhnungsphase auch einfach, uns zu fragen: „Was gefällt mir an diesem Menschen?“

Vielleicht finden wir dann schneller heraus, als wir es uns noch vorstellen können, dass wir einfach nur die Augen zu erheben brauchen, unserem Gegenüber in eben diese Augen sehen müssen und in Gedanken oder tatsächlich zu ihm sagen: „Du, gefällst mir.“

 


Text: Thorsten Haßiepen
Bild: blackday / fotolia.de

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