Ein perfekter Augenblick

Bild: Masson / fotolia.de

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Das war anstrengend. Fast zwei Stunden haben wir insgesamt verhandelt, gesprochen und letztlich eine Einigung gefunden für ein kleines Mädchen, dessen Mutter nicht einsieht, dass ein Kind kein Eigentum ist, sondern von den Eltern behütet werden sollte.

Es ist eine dieser Verhandlungen, in welcher man mit scharfem Verstand, aber gleichzeitig unendlichem Einfühlungsvermögen um pedantisch klein wirkende Positionen kämpft, dies aber umso wichtiger ist, als alle im Saal wissen, es wird in Zukunft wieder einen Rechtsstreit geben.

Diese Art der Sitzungen im Gerichtssaal ist anstrengend, zehrt an den eigenen Nerven und noch mehr an denen der direkt beteiligten Eltern.

Es wird gerungen um Formulierungen, um Emotionen und letztlich um die Zukunft eines kleinen Mädchens, welches auf Grund seines Alters davon noch gar nichts mitbekommt, zum Glück.

Auf dem Rückweg gehen mir viele Gedanken durch den Kopf. Wir haben einen aus unserer Sicht hervorragenden Abschluss geschafft und doch … ich kann nicht einfach abschalten. Zuviel wird an der eigenen Seele berührt, weil man eben auch selbst ein Mensch ist und bleibt und gerade das für mich so unendlich wichtig ist in meinem Beruf.

So fahre ich die eigentlich gar nicht so lange Strecke vom Gericht zurück. Es kommt mir aber unendlich lange vor. Die Landschaft scheint still zu stehen. Und auch ist da dieses Gefühl der inneren Ruhe. Kein anderer Autofahrer, keine seltsame Situation im Straßenverkehr, kein langsam fahrendes Fahrzeug kann mich wirklich aufregen. All‘ das ist nichts gegen die vielen Hürden, die das Kind in seinem Leben vielleicht noch vor sich hat. Ich bin dankbar, dass sie einen so stabilisierenden Vater hat, welcher sich mit einer ungeheuren Hingabe um sie kümmert, mit ihr Abenteuer unternimmt und sie annimmt, trotz der Widrigkeiten, welche durch die gesamte Situation auch für ihn entstehen. Innerlich ziehe ich meinen Hut vor ihm.

Irgendwann halte ich an der Ampel an, welche den Verkehr an der letzten Kreuzung vor meiner Heimatstadt regelt. Alles erscheint unendlich still. Alles passt irgendwie perfekt. In mir breitet sich eine Zufriedenheit aus, wie ich sie lange nicht mehr verspürt habe.

Es ist ein perfekter Augenblick.

Woher er kommt, das weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass er da ist. Ich spüre ihn in mir, in meinem Körper, in meiner Seele. Es ist alles so perfekt.

Es ist einer jener Augenblick, von denen man weiß, sie werden genauso nie wieder einkehren. Er ist einzigartig. Nur für mich gemacht. Nur für mich.

Ich genieße ihn. Er überrascht mich … und er bringt mir Ruhe, Zufriedenheit und Glück.

So fahre ich weiter nach Hause. Ich bin glücklich. Kehre nach Hause und umarme meine Frau. Sie sieht mich an. Ich weiß, mein Leben ist einfach gut. Ich lebe es. Und ich bin dankbar dafür.

Eben ein perfekter Augenblick.

Text: Thorsten Haßiepen
Bild: Masson @ fotolia.de

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