Der Ast, auf dem wir sitzen…

Bild: photoschmidt / fotolia.de

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Letztens fiel mir in einem Buch mit uralten Witzen eine Zeichnung auf, wo ein Mann auf einem Ast sitzt und auf der Seite zum Baum hin an dem Ast sägt. Er wird von einem anderen Mann angesprochen und darauf aufmerksam gemacht, er werde auf diese Weise wohl abstürzen. Der sägende Mann erwidert nur: „Was soll ich denn machen? Wenn ich auf der anderen Seite säge, ist der Ast zu kurz, um daraus Brennholz zu machen.“

Ich war äußerst erstaunt, wie solche alten „Comics“ oder „Witze“ mit uralten Sprichwörtern so hoch aktuell sein können.

„Du sägst den Ast ab, auf dem Du sitzt“, lautet es hier. Und die Ignoranz des sich selbst absägenden Menschen ist kaum zu übertreffen.

Wie oft verhalten wir uns genauso. Wir wollen kurzfristig möglichst viel aus einer Situation herausholen und denken weder für andere noch für uns an die mit Sicherheit eintretenden Folgen. Das machen wir sogar munter weiter, wenn wir auf die Gefahren hingewiesen werden. Nein, *wir* wissen es schließlich besser.

Und so sägen wir Menschen im Großen und im Kleinen fleißig weiter an der Welt, die uns umgibt. „Rücksicht auf Verluste“ gibt es dabei kaum. Es gilt die Macht des Stärkeren, nicht die des Klügeren.

„Ich will das aber so haben“, schreien wir wie Kleinkinder heraus und senken trotzig unser Kinn auf unsere Brust.

Das Problem ist nur …. Kleinkinder verstehen oft besser, dass größere Erfolge zu verzeichnen sein werden, wenn man ab und zu einmal nachgibt. Sie lernen das ganz schnell und wickeln dann ihre Eltern lieber um den Finger und graben fleißig und stetig in kleinen Schritten in Richtung dessen, was sie so sehr begehren.

Interessanterweise verlernen wir dieses Verhalten, je älter wir werden. Vielleicht liegt es daran, dass wir in einer ach so egoistischen Umwelt aufwachsen, in welcher sich jeder nimmt, was er gerade bekommen kann. Vielleicht liegt es daran, dass uns das Hemd näher ist als die Jacke, wir also das kurzfristig und eventuell mit weniger Energie realisierbare interessanter finden, als wenn wir auf eine Belohnung auch noch warten müssen. Vielleicht liegt es aber auch nur daran, dass wir die vermeintliche Macht dazu haben, uns so zu verhalten, uns selbst und anderen gegenüber.

Das alles an sich ist aber auch noch nicht, was die Sache so seltsam macht. Natürlich sind wir Menschen daran interessiert, unsere Erfolge möglichst direkt und umgehend zu erhalten und wollen darauf nicht warten.

Der Ast, auf dem wir sitzen, ist aber auch meistens nicht das, was uns näherliegt, sondern das, was uns eine Zukunft bringt. Und mit der gehen wir alles andere als gut um. Dabei ist es egal, ob es sich um unsere ganz persönliche Zukunft handelt, die Zukunft von uns anvertrauten Personen, Gruppen, vielleicht Kindern oder einfach „nur“ die Zukunft unserer Umwelt.

Wir reden viel darüber, halten wichtige Konferenzen, welche mit Absichtserklärungen und umfangreichen und geschwollen geschriebenen Dokumenten enden. Doch unser Handeln … bleibt meistens, sofern es überhaupt dazu kommt, weit hinter unseren Erklärungen zurück.

Auch hier sind es oft gerade die Menschen und Gruppierungen, ob gesellschaftlich, politisch oder religiös, welche -je mehr sie reden- umso weniger tun oder sich gar an eigene vermeintliche Werte halten.

Wenn Menschen, die Nächstenliebe predigen, alles daransetzen, um ihnen unliebsame Menschen zu behindern oder gar aus dem Weg zu räumen, wenn politisch Verantwortliche nur wegen des kurzfristigen Ziels eines nächsten Wahlgewinns alles versprechen und gegen eigene Positionen handeln, wenn jemand nach der kurzfristigen Anerkennung haschend einen ihm anvertrauten Menschen bloßstellt … all‘ das sind Situationen, womit wir unsere eigene Zukunft verbauen.

Von der Vernichtung unserer Umwelt mag ich da erst gar nicht anfangen. Dies ist auch nicht der Gegenstand meines Anliegens.

So handeln wir doch so oft unvernünftig, geleitet von Emotionen. An sich ist dies weder gut noch böse. Doch es verbaut uns unsere eigene Zukunft, unser eigenes Fortkommen, unsere persönliche positive Entwicklung. Es fängt uns in sich ein und so sägen wir an unserem Ast der eigenen Zukunft. Bevor wir erkennen, was wir tun, ist es dann vielleicht zu spät.

Doch wenn ich mir in meiner Arbeit, in meinem Privatleben, in meiner Familie, in meiner Verantwortung -und sei es vielleicht nur vor mir ganz allein- zu Herzen nehme, was ich sage und nur das verspreche, von dem ich weiß, es einhalten zu können, lebe ich mein Leben und nicht das Leben einer anderen Person. Ich hechle nicht vermeintlichen gesellschaftlichen Normen hinterher, von denen eigentlich jedermann/frau weiß, dass niemand sie einhalten möchte.

Und doch sind diese Normen natürlich auch gut, denn sie regeln unser Zusammenleben und machen es teilweise erst möglich. Das Gebot „Du sollst nicht töten“ hat sicherlich sein Gutes. Auch das Gebot „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden, wider Deinen Nächsten“ könnte, sollte es denn einmal nachhaltig eingehalten werden, dafür sorgen, die Streitereien und vielleicht sogar die Kriege dieser Welt zumindest einzudämmen.

Doch müssen wir das wirklich gesagt bekommen? Sollte dies nicht in jedem und jeder von uns so eine Art Basisprogrammierung sein? Wollen wir nicht unsere Art und damit auch uns selbst erhalten? Sind wir das nicht doch wert?

Ich glaube fest daran, dass egal ob Mensch, Tier, Umwelt oder sonstige Klassifizierungen von lebenden Organismen alle eine völlig gleichwertige Berechtigung ihres Daseins haben. Wir alle tragen dazu bei, dass es eine Welt, in der wir leben möchten (im Gegensatz zu „müssen“), tatsächlich gibt.

Und hieraus ergibt sich eine Achtung, vielleicht sogar eine Art Demut, welche wir, schauen wir anderen Wesen ins Angesicht, uns bewahren sollten … und zwar um unserer selbst willen.

Wenn ich einen unguten Gedanken gegen einen anderen Menschen hege, treffe ich mich auf Dauer damit immer auch selbst. Sei es dadurch, dass ich diesen Gedanken in mir denke und damit in meine Welt willentlich aufnehme. Sei es dadurch, dass ein Stückchen meiner Unschuld dem anderen Menschen gegenüber verloren geht. Sei es dadurch, dass ich Energie auf jemanden aufwende, der oder die es doch eigentlich gar nicht -nach meiner Meinung- wert sein sollte und ich mich dann noch mehr ärgere.

Mir ist dabei durchaus bewusst, wie wir in einer nicht perfekten Welt leben. Es gehört vielleicht auch dazu, einmal einen Groll gegen jemanden zu hegen.

Doch dieser Groll darf sich nicht manifestieren, sich nicht bis in unsere letzten Zellen festsetzen. Er darf uns in unseren Handlungen nicht bestimmen. Er darf auftreten, darf sogar gewürdigt werden. Doch er sollte auch wieder gehen dürfen und wir unseren Frieden selbst mit unserem ärgsten Feind finden dürfen.

Der Ast, an dem wir sägen, ist uns oft näher, als es uns erscheint oder als wir es glauben wollen. Dies gilt für das Leben im Kleinen wie auch im Großen. Jederzeit.

Ich habe einmal gelesen, dass ein wütender Mensch im Grunde seiner Gefühle nur vor etwas Angst hat und es daher mit seiner Wut zu bekämpfen versucht. Sind wir uns dessen bewusst, können wir uns selbst damit beschäftigen, was uns Angst macht und es konstruktiv angehen. Dann müssen wir nicht zerstören, beschimpfen oder nachtragend sein. Wir können dankbar sein, so seltsam es sich auch zunächst anhören mag, für die Ängste, die wir haben.

An ihnen können wir wachsen, durch sie erleben, mit ihnen uns weiterentwickeln und sie danach dankbar auf unserem Lebensweg zurücklassen. Aber sie sind ein Teil von uns und sie können uns tatsächlich stärken.

Dann aber brauchen wir den Ast auch nicht abzusägen, sondern können ihn hegen und pflegen und gedeihen lassen, so dass der Baum unseres Lebens noch stärken, größer, gesünder und schöner wird.

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