Regen

Bild: Sabine Schönfeld / fotolia.de

Bild: Sabine Schönfeld / fotolia.de

 

Es regnet. Was für eine Erfahrung. Da wacht man morgens auf, freut sich auf einen schönen sonnigen Tag, wie es gestern in der Wetter-App gestanden hatte. Und nun das!

Regen.

Es ist dieser herbstliche Regen, der nur so mit ein paar Tropfen pro Quadratmeter fällt, aber gerade ausreicht, um Dächer, Straßen und vor allem darin spazierengehende Personen völlig zu durchnässen.

Ach, was ist die Welt so schön.

Eigentlich wollten meine liebe Ehefrau und ich an diesem Wochenende, wie wir es jedes Jahr tun, uns auf unsere Motorräder schwingen und gemütlich die letzten herbstlichen Sonnenstrahlen in uns aufnehmend durch die Landschaft kurven.

Hmm, ob das jetzt funktioniert? Ich bin ja ein bekennender Schlecht-Wetter-fahren-Vermeider. Natürlich könnte ich jetzt behaupten, dies hänge damit zusammen, dass sich im Frühjahr 2016 mich mit meiner lieben Berta, meiner Maschine, auf die Nase gelegt habe, weil es eine äußerst nasse Straße gewesen ist. Ich glaube aber, dies wäre zu kurz gegriffen.

Tatsächlich habe ich einfach keine Lust, mich in meine Motorradklamotten zu zwängen, nur um dann den ganzen Regen so richtig schön in die Fresse zu bekommen, wenn man etwas schneller als Schrittgeschwindigkeit fährt.

Nö, das möchte ich nun wirklich nicht.

Also, was tun?

Wilde Gedanken laufen mir durch den Kopf. Ich bin hin und her gerissen, ob ich heute überhaupt aufstehen soll.

Das Problem dabei ist nur, dass ich gerade zu meiner lieben Ehefrau gesagt habe, sie solle doch fröhlich und mutig in den Tag hineingehen. Es wäre doch schließlich etwas tolles, wenn man morgens aufstehen könnte.

Soviel zu guten Ratschlägen gegenüber anderen Personen. Werde ich nie wieder machen.

Aber egal. Der Tag hat nun einmal begonnen. Also müssen wir ihn auch irgendwie zu Ende bringen.

Nachdem ich mich geduscht und angezogen habe, kehren meine Kinder gemeinsam mit meiner lieben Ehefrau vom Hundespaziergang zurück. Sie haben Frühstück mitgebracht. Es werden schnell noch ein paar Brötchen geschmiert. Dann gehen die Kinder mit meiner lieben Ehefrau zum Reiten.

Ich bleibe, wie immer, alleine zu Haus. Eine Runde Mitleid bitte.

Als ich in den Spiegel schauen, merke ich, dass meine Haarpracht mittlerweile deutlich über die genehmigte Länge hinausreicht. Also entschließe ich mich völlig spontan, bei meinem Friseur anzurufen und einen Termin zu vereinbaren. Gesagt, getan. In 20 Minuten kann ich dorthin.

Zwischendurch räume ich noch etwas die Dateien auf meinem Computer auf. Mich tatsächlich an dem heutigen Tage noch zu bewegen, fällt mir im Moment noch nicht ein.

Was mir aber einfällt, ist die Tatsache, dass ich nach draußen gehen muss, möchte ich denn auch das Geschäft meines Friseurs erreichen. Das bedeutet, Sie haben es richtig erraten, ich muss durch diesen Regen gehen.

»Oh Graus«, schießt es mir durch den Kopf.

»Nützt aber alles nichts«, meldet mein Großhirn an mein Kleinhirn zurück und lässt mich in einer Art fremdgesteuerten Weise aufstehen, mich anziehen, also die Regenjacke, ansonsten bin ich ja schließlich schon angezogen, was ich hier nur noch einmal klarstellen möchte, damit keine dummen Gedanken aufkommen und ich mir außerdem nicht sicher bin, ob ich das zuvor richtig beschrieben habe, Geld und Schlüssel in die Tasche stecken und dann geht‘s auf zum Friseur.

Als ich gerade zur Tür hinausgehen will, sehe ich, wie mein Hund mich ganz mitleidig anguckt. Ich frage ihn, ob er mitgehen möchte. Er bewegt sich nicht. Wie schlau solche Tiere doch manchmal sein können.

Nun ist mein Hund schon ziemlich alt. Also, so denke ich, hat er mich einfach nur nicht gehört. Noch etwas lauter spreche ich ihn an und frage ihn, ob er gerne mitgehen möchte. Nun bewegt er sich auch. Er drehte den Kopf weg.

»Nun gut«, denke ich mir, »gehe ich eben alleine.«

Draußen angekommen, ärgere ich mich zunächst einmal darüber, dass die Nachbarin ihre komischen Früchte, welche von dem Strauch ewig auf den Bürgersteig abfallen, nicht wegkehrt. Ewig hat man diesen Schmolz unter den Schuhen hängen. Immer wieder trägt man es ins Haus hinein und fragt sich eine Stunde später, ob es nun eine vom Hund abgefallene Zecke oder einfach nur ein bisschen Dreck sei.

 

Als ich dieses Minenfeld verlassen habe, versuche ich erst einmal an der nächsten Böschung, mir die Schuhe wieder sauber abzustreifen. Dies gelingt mir zum Glück auch. Vielleicht wird es ja doch noch ein guter Tag.

Mit müden Schritten bewege ich mich auf den Friseur zu. Plötzlich und völlig unverhofft merke ich es, es regnet gar nicht mehr.

Nun, auch das wird wahrscheinlich nur so eine kurze Phase, wie sie auch bei der Kindeserziehung vorkommt, sein. Sicherlich wird Petrus gleich wieder anfangen, seine Schleusen aufzudrehen. Schließlich benötigt die Erde ja auch ein wenig Wasser.

Es folgt eine kurze Episode, in der ich meine schütteren Haare geschnitten bekomme. Dann gehe ich wieder nach Hause.

Plötzlich bleibe ich stehen. Ich schaue nach oben. Dort reißen tatsächlich die Wolken auf und die Sonne macht sich breit.

»Kann ich heute wirklich noch motorradfahren?«, schießt es mir durch den Kopf. Ein wenig Hoffnung keimt in mir auf.

Auch ein kleines Lächeln verbreitet sich auf meinem Gesicht. Ich hege gute Gedanken. Welch eine Änderung an diesem furchtbaren Tag. Zumindest hat er so begonnen. Oder eigentlich auch nicht. Wie war es denn nun überhaupt? Habe ich nicht, als ich aufgewacht bin, tatsächlich etwas Gutes gedacht? Was bin ich nur für ein Mensch, dass ich nicht stets mit guten Gedanken durch die Welt laufe. Ich gönne es mir tatsächlich, auch einmal eine innerliche Krise zu haben.

Ist das überhaupt erlaubt?

Müssen wir Menschen nicht heutzutage immer nur gut gelaunt sein? Müssen wir nicht immer von einer Party zu der nächsten Feier laufen, um dann auf irgendwelchen Plätzen in einem Gedränge von mehreren 1000 Menschen zum 10000 .Mal das gleiche Lied zu hören. »You can‘t get no satisfaction«, ist der wohl meist gespielter Titel, wenn es darum geht, Dorffeste zu beglücken. Laut grölend steht dabei die Menge vor der Bühne und singt fleißig mit, so als höre man dieses Lied zum ersten Mal, als wäre es die Glückseligkeit allein, die da über einen kommt. Dicht gedrängt und völlig besoffen stehen da die Menschen, grölen sich die Seelen aus den Leibern und merken nicht einmal, wie sie sich immer wieder im eigenen Kreise drehen und dasselbe immer und immer und immer und immer wieder erleben. Und dabei ist das erstaunlichste, dass sie es sogar tun, wenn es regnet…

Ist nicht so mein Ding. Aber ist ja auch egal. Wer bin ich, es anderen zu verbieten. Will ich auch gar nicht. Will einfach nur ich selbst sein können.

»Ach«, denke ich, »was ist diese Welt so kompliziert.«

Doch kennen Sie das, wenn man einen Gedanken gedacht hat und direkt wieder denkt, ob man diesen Gedanken überhaupt hätte denken dürfen? Darf ich mich so, sei es auch nur in den eigenen Gedanken, überhaupt anderen Menschen gegenüber verhalten. Verhalte ich mich überhaupt? Oder sind es nur meine Gedanken? Sind diese Gedanken tatsächlich frei? Oder merkt man es mir auf eine magische Art und Weise an, was ich gerade denke? Beweise gibt es doch genug? Oder?

Das treibt mich oft um. Darf ich so etwas denken? Darf ich mit meiner Meinung auch ganz allein in meinem eigenen kleinen Kopf umherziehen und mir die Sachen auch noch ausschmücken?

Bin ich dann ein guter Mensch oder ein schlechter Mensch? Gibt es eigentlich eine Art Gedankenkontrolle?

Fragen über Fragen, die einen manchmal fast bis um den Verstand bringen können.

Also beschließe ich, heute den Tag einfach nur zu genießen.

Ich werde mir nun einen Kaffee machen. Dann werde ich darauf warten, dass meine liebe Ehefrau wieder nach Hause kommt. Die Kinder werden schließlich gleich von der Oma abgeholt.

Der Kaffee ist wirklich lecker. Und sein Duft erfüllt den ganzen Raum.

Auch mein Hund ist nunmehr aufgestanden und drängt sich an mich, weil er gestreichelt werden will. Diesen Gefallen tue ich ihm natürlich sehr gerne. Er genießt es seit den letzten Wochen unheimlich, wenn er gekrault wird.

Und dann… werden wir wohl ein bisschen motorradfahren, also meine Frau und ich. Ich weiß nicht, ob das jetzt klargeworden ist, weil ich vorher den Satz mit dem Hund eingeschoben habe. Da ist es wieder. Dieser Zwang zur Selbsterklärung. Ist jetzt aber auch egal. Schließlich will ich etwas Positives denken. Das mache ich jetzt auch. Denn regnen soll es heute nicht mehr.

Und siehe da: Es ist ein schöner Tag!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s